So viele Männer sind echt scheiße.
Männer wie Adolf Hitler, Osama bin Laden. Donald Trump oder Wladimir Putin.
Terroristen, Kriegstreiber, Amokläufer, Vergewaltiger, pädophile Priester – alles Männer.

Böse Frauen? Schon schwieriger … vielleicht Ulrike Meinhof oder Annie Wilkes (gespielt von Kathy Bates) im Film “Misery”.

Männer haben es imagemäßig eindeutig schwerer. Sie haben eine schlechte Reputation und kämpfen ständig mit den sich wandelnden Anforderungen der modernen Gesellschaft.

Wir haben Angst davor ins Kreuzfeuer von Moralaposteln und Social Media Trollen zu geraten. Wir wollen schließlich – wie alle Menschen – geliebt und respektiert werden … aber das hat seinen Preis.

Ich habe oft den Eindruck, dass Männer so sehr dem Mainstream entsprechen wollen, dass sie gar nicht bemerken, wie ihre Eier dabei schrumpfen.

Sie posten auf Facebook oder Instagram Fotos vom Wellnessurlaub, ihren Liebsten oder einen weisen Kalenderspruch, dem jeder nur zustimmen kann.

Sie vermeiden es anzuecken und eventuell einen Shitstorm zu riskieren.
Sie drücken sich vor klaren Worten und erst recht vor einer stolzen Männlichkeit.
Die ist ihnen nämlich abhanden gekommen bzw. genommen worden.

Von wem? Von dogmatischen Feministinnen, Gender-Beauftragten und einer weichgespülten Flachland-Spiritualität.

Wir Männer werden von unzähligen Medien als Auslaufmodelle diffamiert, die sich gefälligst um ihre weiche, weibliche Seite kümmern, Bäume umarmen und ausschließlich Kurkuma-Latte trinken sollten.

Veganer Lebensstil und tägliche Gehirnwellen-Meditationen werden als selbstverständlich vorausgesetzt.

Traditionelle Männlichkeit und klärende Aggressivität sind einfach nicht im Trend.

Wenn dann noch alte, machthungrige, weiße Kriegstreiber wie ein Herr Wladimir Putin um die Ecke kommen, werden wir Männer sofort gesteinigt, wenn wir begeistert vom letzten Besuch einer Paintball-Arena erzählen.

Ja, ich stimme dem zu: Unsere gesellschaftlichen Normen, die Werte des Zusammenlebens und auch unsere Sprache müssen sich ändern. Dass unsere Geschichte fast ausschließlich von (alten, weißen) Männern geschrieben wird, ist unerträglich.

Intellektuell verstehe ich das alles und unterschreibe es sofort.

Aber bei der Vorstellung, dass James Bond in Zukunft von einer Frau gespielt werden könnte, komme ich doch ins Grübeln. Und bei manchen Texten, die vor lauter Gender-Sternchen schwindlig machen, frage ich mich insgeheim “Habt ihr keine anderen Sorgen?”.

Ich kann die meisten modernen Bestrebungen zur Gleichberechtigung sehr gut nachvollziehen. Sie sind notwendig und überfällig. Die Mehrheit aller Männer unterstützt und akzeptiert diese Veränderungen.

Aber das intellektuelle Verständnis ist eben nur eine Seite der Münze.

Das aktuelle Dilemma von uns Männern gründet sich zu einem großen Teil auf einen emotionalen Anachronismus.

Unsere gefühlte Männlichkeit scheint nicht mehr zeitgemäß. Die Manns-Bilder mit denen wir groß geworden sind, haben uns geprägt und erscheinen jetzt wie im falschen Film.

Ich bin z.B. mit der Serie “Kung Fu” mit David Carradine groß geworden, habe jeder neuen Folge entgegengefiebert und sie immer mit einem alten Kassettenrekorder aufgezeichnet (nur den Ton natürlich).

Ein weißer Mann (Carradine war schließlich kein Chinese) namens Kwai Chang Caine wandelte barfuß durch den wilden Westen und verdrosch mit Händen und Füßen weiße Cowboys. Und zwar immer dann, wenn seine vom alten, blinden Meister überlieferten Klosterweisheiten auf taube Ohren stießen.

Was habe ich diesen weisen Mönch Caine doch geliebt …

Dass Carradine nebenher für seine perversen Sexualpraktiken bekannt war und im Alter einsam und nackt in einem Schrank in Bangkok starb, trübte meine Sicht auf sein filmisches Alter Ego ganz und gar nicht.

Ich habe auch nie hinterfragt, warum es in der wunderbaren Romantikkomödie “Alles eine Frage der Zeit” (2013) ausgerechnet wieder die Männer sind, die in der Zeit zurückreisen können um ihr Geschichte zu ändern und die Frauen demütig an ihr Schicksal gebunden bleiben müssen.

Ich bin in einer Zeit groß geworden, die viele männliche Zerrbilder auf einen Sockel stellte.
Heutzutage habe ich mich gefälligst dafür zu schämen.

James Bond, Rambo, Clint Eastwood … Paradebeispiele von Machos oder Rassisten, die bestenfalls in ein Museum für frühsteinzeitliche Männergeschichte gehören. Und selbst dort sollten ihre Namen mit grellroter Farbe übermalt werden.

Ja, es reicht mit der Dominanz der alten, weißen Säcke.

Die Mehrheit der normalen Männer ist für gleiche Rechte, gleiches Gehalt und mehr Frauen an den wichtigen Hebeln von Wirtschaft und Politik.

Trotzdem gehen mir die übertriebenen Gender-Diskussionen genauso auf die Nerven, wie die Analyse jeder nicht astreiner, diskrimierungssuspekter Formulierung, die uns Männern oft gedankenlos über die Lippen kommt.

Und muss ich mir wirklich Frauenfußball ansehen um als moderner Mann dem Zeitgeist zu entsprechen, auch wenn ich das Ganze langweilig finde?

Ich habe das Gefühl, dass Männlichkeit nicht mehr selbstverständlich ist.
Und das meine ich wortwörtlich. Viele Männer verstehen sich selbst als Mann nicht mehr.

Ja, die Zeiten ändern sich. Gesellschaftliche Normen brechen auf und werden hinterfragt. Und das ist gut so. Wir Männer verstehen und unterstützen das.

Es ist uns klar, dass Witze über Menschen mit anderer Hautfarbe nicht lustig sind (und auch nie waren). Und ab und zu haben wir auch den Verdacht, dass an der Sache mit dem Bäume-Umarmen etwas dran sein könnte.

Aber … viele Männer kommen einfach mit dem Tempo der Veränderungen nicht zurecht. Ich weiß das, weil viele Männer mir genau das gesagt haben.

Die meisten Männer sind anständige, nette Kerle, die ihre männliche Identität noch nicht gefunden – oder erfunden – haben. Auf viele Fragen haben wir aber noch keine passenden Antworten. Ganz einfach deshalb, weil uns in den letzten 50 Jahren auch niemand danach gefragt hat.

Wir Männer stecken in der Zwickmühle zwischen alten Rollenbildern und neuem Denken. Wir werden gezwungen auf Dinge zu achten, die früher kein Schwein interessiert haben.

Wir werden schief angesehen, wenn wir beim Buchstabieren “T wie Thomas” sagen und nicht “T wie Tofu”. Und wenn wir LGBTQ für eine moderne Ausgabe einer Modelleisenbahn halten, outen wir uns selbstzerstörerisch als unaufgeklärte Neandertaler.

Wir können alle zusammen über uns Männer lachen. Über Männer, die Schwierigkeiten haben mit der neuen Zeit und ihren gesellschaftlichen Herausforderungen.

Wir Männer lachen gerne mit. Obwohl wir uns innerlich irgendwie verloren fühlen.

Verlorene Männer sind ein gesellschaftliches Problem.

Männer, die ihre Identität verloren bzw. nicht neu gedacht haben, neigen zu destruktivem Verhalten. In erster Linie sich selbst aber auch anderen gegenüber.

Unsere Welt braucht keine verlorenen Männer. Genauso wenig wie dogmatische, verkrustete Machos.

Wir brauchen zielstrebige und selbstsichere Männer. Männer, die ihr Leben mit Integrität und Humor leben.

Männer, die sensibel, spontan und auf lebendige Weise spirituell sind. Männer, die ihre feminine Seite annehmen und keine Angst davor haben ihre natürliche Aggressivität konstruktiv ausbrechen zu lassen.

Unsere Welt braucht Männer, die Helden sind (zum Thema “Helden” mehr im nächsten Artikel).

Zum Helden kann Mann aber nicht alleine werden. Er braucht andere Männer dazu.
Kein Mensch – und schon gar kein Mann – kann sich ohne die Hilfe anderer Männer auf Dauer zum Besseren verändern.

Also Männer… sucht euch eine Männergruppe. Oder gründet selbst eine.