Beim Herumhanteln im TV-Dschungel blieb ich neulich bei dieser neuen Kuppelshow „Hochzeit auf den ersten Blick“ in Sat1 hängen. Acht Singles geben sich beim Blind Date im Standesamt das Ja-Wort und vertrauen auf ein wissenschaftliches Matching. Nach zwei Monaten wird dann entschieden: Zusammenbleiben oder scheiden lassen?

Vier Experten – eine Psychotherapeutin, ein Wohnexperte, eine psychologische Beraterin und ein evangelischer Pastor – stellen nach eingehender Prüfung vier Paare zusammen, die zum ersten Mal im Standesamt aufeinander treffen – und ihrem neuen, unbekanntem Partner das Ja-Wort geben. Erst dann folgt die Kennenlernphase. Die Kernfragen: „Kann man eine Paarbeziehung mit Hilfe eines Expertenteams planen – und kann sich Verliebtsein auch erst nach dem Ja-Wort entwickeln?“

Wie zu erwarten gab es – vor allem von kirchlicher Seite – bereits massive Kritik an diesem sogenannten „Sozialexperiment“. Die Sendung „pervertiere die Liebe“ meinte z.B. ein Erzbischof. Die Einschaltquoten sind zufriedenstellend, also wird der Sender keine schlaflosen Nächte wegen möglichen Exkommunizierungen haben.

Der dem Sender eigene Pastor Martin Dreyer erklärt, dass die Sendung den Zuschauer dazu auffordern will, “über die Liebe noch einmal ganz neu nachzudenken”. Das tue ich hiermit …

Die Experten des Senders übernehmen im Vorfeld bereits wesentliche Elemente der klassischen Partnersuche: Interessen, Hobbies, Lebensgewohnheiten, Wohnumfeld, Wertvorstellungen, Erwartungen an den zukünftigen Partner und sogar die chemische Kompatibilität (mit Hilfe einer Blutanalyse) werden abgecheckt und untersucht. Aus den Ergebnissen werden die perfekten „Matches“, also Übereinstimmungen gefiltert … zwei Menschen, die aufgrund dieser Bewertungen zusammenpassen könnten.

Ist doch praktisch für uns Männer.

Das gesamte „Beziehungsvorspiel“ wird mir abgenommen … peinliches Kennenlernen, unzählige Fettnäpfchen, die dazu einladen hineinzutreten, schlaflose Nächte, Schweißausbrüche, Theaterspielen, tägliches Rasieren usw.
Nicht zu vergessen der finanzielle Faktor. Ich spare mir einen Batzen Geld, den ich bei der üblichen Balz für Abendessen, Kinobesuche, Blumensträuße, Deos und Mundspray investiere.

Ich muss – auf der Suche nach einer Partnerin – keine Yogakurse besuchen und kein Seminar für die Erweckung meines Herzchakras. Ich spare mir Stunden an Rosamunde Pilcher Filmen und lähmende Besuche bei IKEA um Servietten und Teelichter zu kaufen.
Ich kann weiter für eine grüne und lebenswerte Umwelt kämpfen, da ich meine Unterwäsche und meine Socken nicht täglich wechseln muss und damit Tonnen an Waschmittel spare. Ich muss keine zukünftigen Schwiegermonster beeindrucken, keine Hosenscheißer in Pumuckl-Stramplern „uuursüß“ finden und nicht jeden fetten, flohbesetzten Kater hinter den Ohren kraulen.

Ich lege einfach mein Eheschicksal in die Hände von Experten und warte ab, welchen Vorschlag die Leute aus dem Hut zaubern. Die werden doch wohl eine scharfe Schnitte für mich aussuchen. Schließlich habe ich in den Interviews klar meine Präferenzen ausgedrückt.

Gut … ich denke über die Liebe neu nach.

Ein Freund von mir hat seine jetzige Frau über eine Partnervermittlung im Internet kennengelernt. Die beiden sind glücklich verheiratet und haben einen von diesen süßen Hosenscheißern.
Auch dort wurde ihm – nach Ausfüllen eines umfangreichen Profils – ein perfekter „Match“ vorgeschlagen. Ok … eigentlich waren es mehrere, aber es gibt schließlich Schlimmeres als ein paar Abende mit paarungswilligen Frauen zu verbringen, die in das Beuteschema passen oder?

Auch in einer Partnervermittlung wird den Kandidaten einiges an Vorarbeit abgenommen. Und auch dort kann Liebe wachsen. Warum also nicht in einer Kuppelshow? Verabschieden wir uns von dem Gedanken, dass Liebe nur auf eine klassische Art entstehen kann.

Gottgegeben ist nur unser freier Wille die Spielregeln unseres Zusammenlebens zu gestalten.

Wir machen die Regeln und wir bestimmen was moralisch ist und was nicht. Ver- und Vorurteilen sind menschliche Eigenschaften. Und ja … auch ein Erzbischof ist nur ein Mensch ;-) und der hat schließlich eine dogmatische Festung zu verteidigen … sehen wir es ihm also nach.

Klar lechzt der Sender nach Einschaltquoten und freut sich besonders über die kirchliche Negativwerbung. Klar werden viele Menschen in unserer sensationslüsternen und „facebookvertierten“ Zeit diese Sendung als eine weitere Stufe auf dem Weg zum moralischen Niedergang empfinden.

Ich denke über die Liebe neu nach …

Der Schlüssel zu einer glücklichen Ehe oder Partnerschaft ist jemanden zu finden, zu dem man passt.

Liebe – und ich spreche hier nicht vom Zustand des Verliebtseins – gründet sich auf eine tiefe Freundschaft.

Das bedeutet gegenseitigen Respekt und Freude an der Gemeinschaft mit dem Partner. Liebe wächst, wenn wir mit den Hoffnungen, Träumen, Vorlieben, Abneigungen und den persönlichen Macken des anderen vertraut sind.

Aus meinen Beratungen weiß ich, dass die meisten Partnerschaftsprobleme ihre Wurzeln in Uneinigkeiten über Lebensstil, Persönlichkeit oder Wertesystem haben. Das sind „Lebensthemen“. Wenn Paare darüber häufig streiten, verschwenden sie ihre Zeit und gefährden die Beziehung.

In guten, stabilen Partnerschaften teilen die Partner ein tiefes Gefühl von Sinnhaftigkeit.

Es geht nicht darum, einfach miteinander „klar zu kommen“, sondern um eine wechselseitige Unterstützung der Hoffnungen und Wünsche. Es geht nicht um darum, ob der Klodeckel herauf- oder heruntergeklappt ist, ob die Socken herumliegen oder wer den Müll rausträgt. Dahinter stehen immer Wertesysteme, die jeder von uns in seiner Persönlichkeit tief und oft unbewusst verankert hat.

Wenn ich also über die Liebe neu nachdenke, dann ist es im Grunde scheißegal ob ich meine Partnerin in einer Kuppelshow, über das Internet oder in einem Einhorn-Seminar kennenlerne. Welche Form des Kennenlernens ich auch immer wähle, die Herausforderungen bleiben letztendlich die gleichen.

Im Fall der Kuppelshow lasse ich eben ein paar hunderttausend fremde Menschen an meinem Beziehungsleben teilhaben. Wenn ich dafür meinen Traumpartner finde … warum auch nicht?