Drei Stunden … drei geschlagene Stunden haben meine Frau und ich heute bei IKEA verbracht (an dieser Stelle gleich ein Danke an alle männlichen Leser für das verständnisvolle Seufzen). Dabei hatte dieser Tag so gemütlich begonnen. Nach der zweiten Tasse Kaffee fiel dann dieser (oh, wie ich ihn hasse) Satz:

„Wie wär´s, wenn wir heute wieder mal zum IKEA fahren, mein Schatz.“

Diese drei Stunden wären bei einem vernünftigen Möbeleinkauf ja nicht weiter verwunderlich gewesen, allerdings bestand die gesamte Ausbeute dieses Nachmittags aus nur sieben Kleinigkeiten. Sieben Kleinigkeiten, die wir ohne weiteres auch in dem Geschäft um die Ecke bekommen hätten, vor allem weil es sich bei vier dieser Kleinigkeiten um Servietten handelte.

Warum in aller Welt steht bereits gleich oben nach der Rolltreppe eine große Kiste mit Servietten? Die Möbelabteilungen haben wir ja ganz gut hinter uns gebracht, aber erste Anzeichen dieses IKEA-Fiebers lassen sich dann schon in der Stoffabteilung erkennen. Die Schritte meiner Frau werden immer langsamer, die Augen bekommen diesen leicht glasigen Blick und ihre Wangen färben sich zart rot. Meinen kläglichen Versuch in diesem Moment ihre Hand zu packen und sie mit einem energischen „Augen-zu-und-durch“ Richtung Kasse zu ziehen, quittiert sie mit einem süßen: „Wieso hast du es immer so eilig? Lass mich einfach ein bisschen schauen.“ Mit diesen Worten entzieht sie mir ihre Hand und wird in Sekunden zwischen den Regalen unsichtbar.

Ich stehe also mit dem Einkaufswagen – den natürlich ich schiebe, da sie ja zwei freie Hände braucht – etwas verloren im Mittelgang und frage mich, ob man IKEA nicht zum natürlichen Lebensraum der weiblichen Spezies zählen sollte. Hinter mir höre ich ein leises Lachen, aber als ich mich umdrehe, schiebt da nur ein Mann mit verbissenem Gesichtsausdruck seinen Einkaufswagen voll mit Servietten schnell Richtung Ausgang.
In großen Schuhgeschäften gibt es ja wenigstens Sitzgelegenheiten, die für alle gestressten Männer ein wahrer Segen sind. Außerdem läuft dort in den Kinderabteilungen auf einem bunten Fernseher sehr oft „Ice Age“. Nur die knallgelben Hocker sind meist etwas klein, aber wahrscheinlich liegt das daran, dass sie eben für Kinder und nicht für müde, typische Männer gedacht sind. IKEA hat in dieser Beziehung kläglich versagt. Ich bin mir sicher, dass für die Planung des Verkaufsbereichs eine Frau verantwortlich ist, und für die ist naturgemäß ein Verkaufstisch mit den neuesten Stoffen wichtiger als eine bequeme Sitzbank für fußlahme, gestresste Männer.

Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen bei unserem nächsten Besuch eine schriftliche Rückmeldung mit der Bitte um Sitzgelegenheiten in diese „Sag mir deine Meinung“-Briefkästen zu werfen, die im ganzen Einrichtungshaus herumhängen. Wenn ich Glück habe und das Kundenfeedback nicht von einer Frau bearbeitet wird (was ich allerdings befürchte), könnte meine Anregung eine neue Geschäftsära für IKEA bedeuten. Nachdem an diesem Nachmittag bereits die dritte Serviettenpackung in unserem Einkaufswagen landete, begann ich mich zu fragen, worin für Frauen diese enorme Anziehungskraft von Servietten bei IKEA liegt.

Ich habe mich im Bekannten- und Freundeskreis umgehört und erstaunlicherweise ist es überall dasselbe. Servietten sind unangefochten die Nummer Eins beim Einkauf bei IKEA. Knapp dahinter rangieren Kerzen (in der kalten Jahreszeit bevorzugt Teelichter), Stoffe, Bilderrahmen und Postkarten mit mehr oder weniger verspielt-romantischen Motiven als kleine Mitbringsel von der Einkaufstour.

Ich bin davon überzeugt, dass der Grund für diese Serviettensucht im Wesen der Frauen verborgen liegt. Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass sich Frauen nach Liebe und Geborgenheit, nach der Fülle des Lebens überhaupt sehnen. Das scheint mir einleuchtend, denn ich kenne schließlich viele Frauen, die Seifenopern, Schokolade oder eben Servietten lieben. Alle diese Dinge symbolisieren doch irgendwie die Fülle – eine Fülle von Gefühlen, Zucker und Farben – und damit das pralle Leben an sich.

Ich habe immer schon beobachten können, dass Frauen die Leere und die Unbestimmtheit hassen.

Sie wollen ständig den leeren Raum irgendwie füllen. Mit Gefühlen (die wir Männer eher als Beschwerden wahrnehmen), selbst gehäkelten Tischdeckchen, Bildern, Duftkerzen, Vasen, Figuren von prallen Schutzengeln oder dürren, spitzohrigen Elfen oder eben Servietten, die in allen Farbnuancen die Schubladen füllen. Der Schluss liegt also für mich nahe, dass Frauen aus dem Vollen schöpfen können, wenn ausreichend Servietten vorhanden sind. Die Welt und das Leben sind für sie dann in Ordnung.

Seit diesem Nachmittag habe ich mir angewöhnt meiner Frau von Zeit zu Zeit eine Packung Servietten mitzubringen. Neben den üblichen Schnittblumen (Topfpflanzen kauft sie sich sowieso lieber selbst) kommen Servietten als Geschenk wirklich gut an. Meine Frau findet es toll, dass ich an „so etwas“ denke. In letzter Zeit bevorzuge ich allerdings das Servietten-Kleinformat (zur Erklärung für Männer, die sich nicht genau mit Servietten auskennen … und das sind wahrscheinlich die meisten: Das bedeutet ein entfaltetes Format von 24×24cm im Gegensatz zu dem 40×40cm Großformat). Der große Vorteil bei diesem kleineren Format liegt für mich vor allem darin, dass ich nicht – wie bei den 40×40ern – Stunden damit verbringen muss, um die Servietten mit der Schere in der Mitte zu teilen. Das große Format wäre zwar hübsch, aber eben Papierverschwendung … meint meine Frau.

Das Resümee für heute: Der Partnerin von Zeit zu Zeit eine Packung Servietten (24x24cm) zu schenken gehört zu den kleinen Gesten des Alltags, die das Beziehungsleben verbessern